Der China-Schock 2.0 – Fünf Maßnahmen für den Schutz der europäischen Industrie

 

Die Welt verändert sich rasant und mit ihr die globalen Handelsströme. Dramatische, tiefgreifende Veränderungen im Außenhandel treffen das deutsche Wirtschaftsmodell ins Mark. Binnen weniger Jahre entwickelte sich Deutschland vom stolzen Exportweltmeister zum Importweltmeister. Die Ursachen hierfür sind weniger mangelnde Innovationskraft, unzureichende Anstrengungen im Bürokratieabbau oder die Förderung des Fachkräftenachwuchses hierzulande. 

Die Ursachen liegen ganz wesentlich im „China-Schock 2.0“: Gezielte staatliche Eingriffe(1) und massive Subventionen(2) sowie Währungsmanipulation führen zu gravierenden industriellen Überkapazitäten in China bei gleichzeitig mangelnder Binnennachfrage. Diese Überkapazitäten werden mit aggressiven Niedrigpreisen auf den Weltmarkt gedrückt. Angesichts der restriktiven Zollpolitik der USA droht der europäische Binnenmarkt zum letzten Abnehmer für diese hoch subventionierten chinesischen Überkapazitäten zu werden. So stehen Zukunftstechnologien ‘Made in Europe’ in direkter, aber unfairer Niedrigpreis-Konkurrenz zu chinesischen Produkten.

Wurde Chinas Integration in die Weltwirtschaft mit dem Beitritt zur Welthandelsorganisation 2001, dem ersten China-Schock, in Europa noch als Chance für wirtschaftliche Kooperationen und neue Absatzmärkte gesehen, entwickelt sich der einstige Garant für Wachstum zu einer strukturellen Herausforderung für das industrielle Fundament Europas. Anschaulich wird diese Entwicklung mit Blick auf das EU-Handelsbilanzdefizit mit China mit über 350 Milliarden Euro in 2025, davon entfallen allein 90 nur auf die Bundesrepublik.

Im Epizentrum des Ganzen wankt die deutsche Automobilindustrie. Die deutschen PKW-Exporte nach China sind zwischen 2022 und 2024 um zwei Drittel eingebrochen.(3) Europäische Hersteller stehen chinesischen Wettbewerbern gegenüber, die einen strukturellen, unfairen Kostenvorteil aufweisen. Erstmals verzeichnet Europa einen Nettoimport von Fahrzeugen und Komponenten aus China, während die Erträge europäischer Joint Ventures vor Ort massiv eingebrochen sind. Geschätzter Kostennachteil: rund 35 Prozent. Gefährdete Arbeitsplätze in Europa: über 350.000.(4)

Die deutsche Bundesregierung darf nicht länger die Augen vor dieser Realität verschließen. Notwendig ist eine geschlossene deutsche Position für effektiven Handelsschutz und strategische Industriepolitik, statt weiteres Zaudern. Wie effektiv ein solch gemeinsames Vorgehen wäre, zeigt Pekings steigende Nervosität und die Drohung mit handelspolitischer Erpressung. Deutschland muss seine zögerliche Haltung aufgeben und auf europäischer Ebene endlich zum Treiber werden für einen effektiven Schutz des europäischen Binnenmarktes. 

Das Tempo des industriellen Schocks übersteigt die derzeitige Reaktionszeit besonders der deutschen  Politik; ein graduelles, auf Dialog beruhendes De-Risking ignoriert die Zeichen der Zeit. Angesichts der Gefahr des Verlusts zentraler Wertschöpfungsketten verlangt der „China-Schock 2.0“ nach einer umfassenden Strategie wirtschaftlicher Resilienz und schnellen Antworten: 

 

1 – Strategische Sektoren mit Safeguards schützen: Als Direktmaßnahme sollte die EU bestehende Schutzinstrumente vollständig nutzen und so temporäre safeguards auf Ebene ganzer Sektoren statt bloß einzelner Produkte einsetzen. Denkbar sind Zölle von 30 bis 50 Prozent auf Importe oberhalb festgelegter Kontingente für strategische Bereiche wie Automobil, Chemie oder Maschinenbau, ohne langwierige einzelbetriebliche Subventionsprüfungen abzuwarten. Länder mit bestehenden EU-Freihandelsabkommen könnten zum Beispiel durch individuelle Quoten von diesen Maßnahmen ausgenommen werden, sodass der Fokus gezielt auf den von China ausgehenden Verzerrungen liegt.

 

2 – Die Handelsschutz-Bazooka – ein  Instrumente gegen systemische Marktverzerrungen schaffen: Die Europäische Kommission sollte mittelfristig ein neues handelspolitisches Instrument erarbeiten, um flexibel auf strukturelle Ungleichgewichte zu reagieren, die bisher nicht erfasst werden (etwa anhaltende Währungsunterbewertungen). Ein solches Instrument würde es erlauben, gezielte, unbefristete sektorale Maßnahmen zu ergreifen, statt kleinteilig Produkt für Produkt zu prüfen. Ein besonderer Fokus muss dabei auf der Verhinderung von Umgehungspraktiken liegen, beispielsweise durch chinesische Investitionen in Drittländern.

 

3 – Gezielte Sektorzölle statt pauschaler Handelsbarrieren einführen: Gegenüber Vorschlägen für pauschale Einfuhrzölle auf sämtliche chinesische Güter sollte die EU eine differenzierte und flexible sektorale Zollpolitik priorisieren. Die Konzentration auf strategische Kernbereiche (Automobilbau, Maschinenbau, Chemie, Batterietechnologie, erneuerbare Energien oder  Halbleiter) sichert die politische Kohärenz unter den Mitgliedstaaten und schützt die Industrie, ohne die Preise für unkritische Konsumgüter zu treiben.

 

4 – Eine Allianz der Mittelmächte aufbauen: Beim G7-Gipfel muss Deutschland ein koordiniertes Bündnis mit Partnern wie Japan, Kanada, Großbritannien und Südkorea schmieden. Ziel muss es sein, China an den Verhandlungstisch zu bringen und wirtschaftlicher Erpressung einen Riegel vorzuschieben. Deutschland kann die ‚Mittelmächte‘-Strategie operationalisieren, indem es die ‚Buy European‘-Regeln in der EU-Gesetzgebung nutzt , um eine neue Allianz mit verlässlichen Partnern aufzubauen. Wir wollen regelbasierten Handel, sichern  fairen Marktzugang zwischen Partnern und stellen uns chinesischen Wettbewerbsverzerrungen gemeinsam entgegen.

 

5 – Ein klares europäisches Mandat erwirken: Beim Europäischen Rat muss der Europäischen Kommission ein starkes politisches Mandat erteilt werden. Ziel muss die konsequente und zügige Anwendung bestehender Schutzinstrumente sowie die zeitnahe Ausgestaltung neuer Instrumente für den langfristigen Schutz des Binnenmarktes sein.

 

 


1 – China betreibt eine gezielte Politik der Importsubstitution, knüpft ausländische Direktinvestitionen an restriktive Bedingungen, schottet die öffentliche Beschaffung ab und verwehrt ausländischen Akteuren den Zugang zu staatlichen Förderprogrammen.

2 – Fast 60 Prozent der globalen Marktanteilsgewinne chinesischer Unternehmen im Zeitraum 2005 bis 2024 lassen sich direkt auf staatliche Subventionen zurückführen: https://www.oecd.org/content/dam/oecd/en/publications/reports/2026/05/oecd-magic-database-of-industrial-subsidies_3d51d749/ce94f33b-en.pdf.

3 – https://cepr.org/voxeu/columns/china-shock-hits-germany

4 – https://www.clepa.eu/wp-content/uploads/2025/09/CLEPAPositionPaper_competitiveness-for-jobs-and-value-creation_September-2025.pdf